Buddhismus in Österreich – eine große Verantwortung

Nachdem er Erleuchtung erlangt hatte, blieb Buddha Shakyamuni sieben Wochen still und begann erst auf Bitte jener fünf Asketen, mit denen er früher gemeinsam praktiziert hatte und welche er verließ, als er erkannte, dass deren Weg zu strikt war und das Letztendliche in seinem Geiste hervorzubringen nicht imstande war, zum ersten Mal das Rad des Dharma in Varanasi, im Deer Park zu drehen. Er offenbarte die Vier Edlen Wahrheiten (Die Wahrheit der Pein, die Wahrheit der Ursache der Pein, die Beendigung der Pein und der Pfad, der zu Freiheit von Pein führt), deren Kernstück das Erkennen allgegenwärtiger Pein sowie deren Befreiung durch den Pfad ist. Praktizierende dieses Gefährts werden Theravada Buddhisten genannt.

Im zweiten Drehen des Rades offenbarte Buddha die Übertragung zu Leere und Bodhicitta, des erwachten Herzens. Praktizierende dieses Gefährts werden Mahayana Buddhisten genannt.

དེ་ལ་དང་པོ་བྱང་སེམས་སྦྱོང་བ་ནི།
ཀུན་རྫོབ་སེམས་བསྐྱེད་ཉིད་ཡིན་དེ་ལ་ཡང་།
འགྲོ་བར་འདོད་དང་འགྲོ་བཞིན་པ་འདྲ་བའི།
སྨོན་འཇུག་གཉིས་སོ་སྨོན་པ་སེམས་བསྐྱེད་ནི།།   །།

Zuerst entwickle Bodhicitta.
Was das Entfachen relativen Bodhicittas anlangt,
Bedarf es des Bodhicittas der Wunschabsicht, was wie irgendwohin gehen zu wollen, ist
Und des Bodhicittas der Anwendung, was wie tatsächlich dorthin zu gehen ist.

(Situ Panchen Chökyi Jungnä: Instruktionen des Fünffachen Mahamudra Situ Chökyi Jungnäs)
Übersetzung: © Palpung Europe

Im dritten Drehen des Rades, dem dritten Gefährt des Buddhadharma, das an verschiedenen Orten stattfand, offenbarte Buddha Buddha Natur, die allen fühlenden Wesen zugrunde liegt und ihre grundlegende Essenz, sowie ihr letztendliches Ziel ist. Es sind diese Übertragungen Buddhas, auf Grundlagen derer Buddha das Vajrayana offenbarte. Praktizierende dieses Gefährts werden Vajrayana Buddhisten genannt.

འགྲོ་བའི་རང་བཞིན་རྟག་ཏུ་སངས་རྒྱས་ཀྱང་།
མ་རྟོགས་དབང་གིས་མཐའ་མེད་འཁོར་བར་འཁྱམས།
སྡུག་བསྔལ་མུ་མཐའ་མེད་པའི་སེམས་ཅན་ལ།
བཟོད་མེད་སྙིང་རྗེ་རྒྱུད་ལ་སྐྱེ་བར་ཤོག།   །།

Der Wesen innewohnende Natur ist immer Buddha.
Kraft des Nichterkennens dessen streunen sie unaufhörlich in Samsara umher.
Möge für alle Wesen, die sich in solch grenzenloser, unaufhörlicher Pein befinden,
Überwältigendes Mitgefühl in unserem Kontinuum geboren  werden!

(Rangjung Dorje: Das Wunschgebet Mahamudras)
Übersetzung: © Palpung Europe

Die Linie des vierten historischen Buddha, Buddha Shakyamuni wird seit ca. 2600 Jahren auf dieser Welt ungebrochen weitergereicht. Seit damals folgen Menschen seinem Beispiel, wenden die Mittel und Methoden an, um sich spirituell zu üben, zu reifen und ihrem Vorbild gleich zu werden, das gleiche Resultat zu erlangen: komplette Buddhaschaft, einen Geisteszustand, vollständig gereinigt von jeglicher Befleckung störender Emotionen. Obwohl die essentiellen Instruktionen, man würde fast sagen dem Hausverstand entsprechen, sind sie bei näherem Betrachten, Kontemplieren und Meditieren tief und vielschichtig, tiefgründig und allergreifend, kaum fassbar für unseren konditionierten Geist.

Buddhisten üben sich darin, ihre störenden Emotionen mit einer Vielzahl von Methoden zu vermeiden, zu überwinden und letztendlich in ein Pantheon von Weisheit der verschiedenen Aktivitäten zu verwandeln. Diese Methoden und Mittel werden innerhalb der drei Gefährte, die des Theravada, Mahayana und Vajrayana von Lehrer an Schüler weitergegeben. Und so ist die Grundaussage oder Leitsatz für alle praktizierenden Buddhisten einfach zu merken und leicht zu behalten:

སྡིག་པ་ཐམས་ཅད་མི་བྱ་སྟེ།
དགེ་བ་ཕུན་སུམ་ཚོགས་པར་སྤྱད།
རང་གི་སེམས་ནི་ཡོངས་སུ་འདུལ།
འདི་ནི་སངས་རྒྱས་བསྟན་པ་ཡིན།།   །།

Unterlasse alle untugendhaften Handlungen,
Praktiziere Tugendhaftigkeit vollkommen,
Zähme deinen Geist vollständig,
Das ist die Unterweisung Buddhas.

(Buddha Shakyamuni: Pratimoksasutra)
Übersetzung: © Palpung Europe

In Österreich ist der Buddhadharma gemäß allen Drei Drehungen des Rades etabliert und alle Unterweisungen gemäß der drei Drehungen mit ihren Methoden und Mittel, unseren Geist zu zähmen, sind vertreten. Das ist ein ungeheurer, unbeschreiblicher Schatz. Ein Reichtum, der dem einzelnen nützen wird, der Gesellschaft, dem Land an sich. Indem wir Buddhisten uns bemühen, mit unserem heiligen Vorbild, dem perfekten Buddha gleich zu werden, können wir andere inspirieren, an sich zu arbeiten, Negativität zu transformieren. Indem wir Glück und Zufriedenheit ausstrahlen, können wir sogar im kleinsten Rahmen Großes bewirken: durch Vorleben und Sein. Ein ehrliches Lächeln braucht keine Worte, es steckt einfach an und setzt sich fort. Es erzeugt Frieden im Geist.

Damit wird Praktizierenden des Buddhadharma eine große Verantwortung zuteil: Die Linie Buddha Shakyamunis absolut rein und unverändert zu praktizieren, sie nicht zu verändern, zu beschneiden, an sich wandelnde Werte und gesellschaftliche Strukturen anzupassen.

Die direkten Worte Buddhas im Kangyur (Der Kangyur beinhaltet die direkten Worte Buddha Shakyamunis; 108 Texte in 102 Bänden) wurden durch erleuchtete indische und tibetische Meister durch die Jahrhunderte im Tengyur (Der Tengyur beinhaltet die Kommentare großer indischer und tibetischer, verwirklichter Gelehrter in 213 Bänden) kommentiert. Sie geben uns sozusagen den „Beipacktext“, wie Buddhas Unterweisungen zu deuten und zu verstehen sind, wodurch sie unabhängig von Zeit und Raum universell relevant werden und damit Kultur, Gesellschaften, Umständen und Wandlungen transzendieren: Sie bleiben dabei praktikabel, verständlich und maßgeblich und bedürfen nicht neuer Interpretationen auf Basis sich verändernder Werte und Strukturen.