KTC-News 3/98
Namo Buddha-ya
Liebe Leserinnen und Leser,
weil im Westen immer wieder Probleme mit dem Begriff und Inhalt von „Linie“ im Bezug auf Buddhismus im allgemeinen, im speziellen auf Vajrayana auftauchen, haben wir beschlossen, diese Ausgabe dazu zu nützen, hartnäckige Vorurteile (hoffentlich) zu beseitigen und eine klare Sichtweise möglich zu machen.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch manche Bücher anführen und empfehlen. Biographien von großen Lehrern und Meistern dieser Linie. Das könnte der Startschuss für eine neue Rubrik werden (?) - Buchbesprechungen. Ziel ist, eine Liste von Titeln zu verschiedenen Themen mit einer kurzen Stellungnahme der Redaktion zusammen zu stellen. Vorausgesetzt, Ihr habt daran Interesse. Das heißt, dass jetzt Ihr aufgefordert seid, Euch zu Wort zu melden. Lasst uns wissen, was Ihr von dieser Idee haltet.
Damit kommen wir gleich zu unserer ersten Empfehlung. Auf dem Sommercamp ist uns eine wunderbare CD in die Hände gefallen. „Bridge to Tibet - Modern Mantra Music“ von Sylvia Lafrenz. Ein Stück Musik abseits von New Age-Synthisizern. Richtige Musiker interpretieren tibetische Gebete und Rezitationen mit echten Instrumenten auf ihre sehr persönliche Art. Das Meisterstück wird bei uns erhältlich sein.
Es hat uns der erste Leserbrief erhalten - hurra! Da er der erste und (hoffentlich) nicht der letzte ist, wird er in voller Länge veröffentlicht.Vielleicht habt Ihr auch Anregungen, Wünsche, Beschwerden. Teilt sie uns einfach mit.
Wie schon in der letzten Ausgabe angekündigt, wird Lama Alasdair vom 25. bis 27. September in Wien sein und Belehrungen zur Praxis der Grünen Tara geben. Ein Programm liegt jeder Ausgabe des Newsletters bei. Sollte es fehlen, oder braucht Ihr mehr davon, dann meldet Euch bei uns und fordert weitere an. Grüne Tara wird bei uns jeden Sonntag um 10 Uhr praktiziert.
Alles Liebe im Dharma
Namo Buddha-ya
Wenn Lehrer auf die Wichtigkeit der Linie hinweisen, dann kommt es mitunter schon vor, dass er/sie bei sich denkt, dass es sich dabei um ein sentimentales Festhalten an Traditionen handelt. Dem ist keineswegs so.
Zuerst einmal muss man sich den Begriff „Linie” veranschaulichen. Es ist dies kein mystischer, durchsichtiger Faden, voller Geheimnisse, der sich durch die Geschichte zieht. Vielmehr ist es eine sehr profunde, weit reichende aber auch praktische Tatsache. „Linie“ kommt vom tibetischen Wort „gyü”. Es wird im Englischen gerne als „lineage” übersetzt. Das stimmt teilweise, umfasst aber nicht die gesamte Bedeutung. Gyü beinhaltet auch das Zugehörigsein zu einer Familie, oder, in unserem Fall, schlicht Familie im spirituellen Sinn.
Im Buddhismus in seiner Gesamtheit kann man zwischen den drei Wegen (sanksr. Yana, tib. theg pa), oder auch Fahrzeugen unterscheiden. Alle drei beschreiben die Mittel und den Pfad zum Ziel, der Befreiung. Keiner ist besser oder schlechter als der andere. Sie unterscheiden sich „lediglich“ durch die Motivation und die Fähigkeiten desjenigen, der in dieser Tradition praktiziert.
Wege aus dem Hamsterrad
Eine Person, die im Hinayana (kleineres Fahrzeug, tib. theg pa dam pa) meditiert, sucht Erleuchtung, um die Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens (Sanskr. samsara, Tib. korwa) zu erlangen. Ausschließlich für sich selbst. Eine Person, die im Mahayana (großes Fahrzeug, tib. theg pa chen po) meditiert, sucht Erleuchtung, um ebenfalls die Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens zu erlangen. Zuerst sie selbst und dann für alle anderen fühlenden Wesen.
Dusum Khyenpa, SH 1. Karmapa, Statue in Rumtek
Eine Person, die im Vajrayana (unveränderliches Fahrzeug, tib. dorje theg pa) meditiert, sucht Erleuchtung, um die Befreiung aus dem Kreislauf des Leidens zu erlangen. Die Motivation des Mahayana ist hier so gefestigt, dass die starken Methoden des Vajrayana greifen können. Nur dann, wenn die solide Basis des Mahayana gelegt ist in Inspiration und Implementation, können diese umfassendsten Techniken angewandt werden. Dann, bei ernsthafter und regelmäßiger Anwendung, wird man die störenden Emotionen in der schnellsten Weise transformieren können. Diese Transformation, die in allen drei Wegen stattfinden soll, kann dennoch im Vajrayana aufgrund der Tiefgründigkeit und Direktheit der Methoden am schnellsten und effektivsten erreicht werden. Die Motivation, in Wunsch und Ausübung, ist ausschlaggebend. Sie ist der Treibstoff, das Benzin.
Je besser das Benzin umso schneller der fahrbare Untersatz
Daraus wird ersichtlich, dass alle drei Praktizierenden letztendlich das gleiche Ziel haben, nur, dass die Wege dorthin ein wenig anders sind. Diese werden traditionell immer wieder wie folgt beschrieben: das Hinayana wie eine unbefestige Straße, Mahayana wie eine Landstraße und Vajrayana wie eine komfortable, mehrspurige Autobahn. Je besser und reiner das Benzin (Motivation), umso schneller das Auto. Je besser der Weg, umso schneller das Fortkommen. Der Unterschied zwischen den Yanas liegt somit auch in der Geschwindigkeit. Während im Hinayana das letztendliche Ziel schwerlich in einem Leben erreicht werden kann, hat man im Vergleich dazu im Vajrayana die Mittel, Methoden und Wege, dieses Ziel innerhalb eines einzigen Lebens zu verwirklichen.
Das heißt aber noch lange nicht, dass alle jene, die im Vajrayana praktizieren, tatsächlich auch die Vajrayana Motivation bereits mitbringen. Wir werden aufgrund von Karma, wenn wir im Buddhismus unsere „geistige Heimat“ gefunden haben (was wiederum bedingt wird durch Karma), von einem dieser drei Wege angezogen. Am Anfang unserer „Laufbahn“, bedingt durch unsere persönliche Vorgeschichte, werden wir hauptsächlich daran interessiert sein, uns selbst aus den Irrungen, Verwirrungen und Leiden zu katapultieren. Dann, wenn unsere Fähigkeiten wachsen, und wir eine gewisse Stabilität erlangt haben, werden wir langsam beginnen, uns mit den anderen und deren Problemen auseinanderzusetzen. Erst später, nach Implementierung und Erkennen wird unsere Praxis uns stufenweise zu einer Vajrayana Einstellung und Motivation führen. Das bedeutet aber absolut nicht, dass, wenn Menschen Probleme haben und sie diese „beseitigen“ wollen, sie sich Hinayana Gemeinschaften anschließen müssen, wenn sie sich zum Vajrayana hingezogen fühlen. Ihre Einstellung mag anfänglich jener des Hinayana entsprechen, durch die Anleitung eines qualifizierten Lehrers werden sie sich aber stufenweise zur Vajrayana Praxis vortasten und von diesem Lehrer die geeigneten Methoden, die ihrem jeweiligen Stand entsprechen, vermittelt bekommen. Diese Mittel, um das Ziel zu erreichen, werden von Yana zu Yana immer elaborierter.
Karma Pakshi, SH 2. Karmapa, Statue in RumtekJe schneller das Auto sozusagen sein soll, umso mehr muss man es „auffrisieren“. Deshalb sind Hinayana Tempel sehr schlicht gehalten, wohingegen im Vajrayana sehr viele verschieden Yidams (Meditationsaspekte) und Rituale auftauchen, die Zugehörige anderer Religionen - natürlich fälschlicher Weise - vermuten lässt, dass wir einen Mehrgottglauben haben.
Familien gibt’s viele
Zurückkommend zum Begriff der Linie muss man verstehen, dass Linie grundsätzlich alles beinhaltet, das zum Ausdruck bringt, dass wir uns einer Familie zugehörig fühlen. Das kann die Familie der Gärtner sein, die die Gemeinsamkeit der Liebe zu den Pflanzen hat, die Familie der Eisesser, deren gemeinsamer Nenner das Verlangen nach der kühlen Köstlichkeit ist, es kann aber auch die Familie im spirituellen Sinn sein, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Erleuchtung zu erlangen. Entsprechend den drei Yanas wird diese Linie, oder Familie unterschiedlich aussehen. Was aber allen drei gemein ist, ist die Tatsache, dass sie Wege sind, die Buddha Shakyamuni, der vor 2500 Jahren in Indien den Pfad vom Königssohn bis zur Erleuchtung beschritten hat, im Laufe seiner „Lehrtätigkeit” gegeben hat. Wir dürfen uns Buddha nicht als Vortragenden im Sinne einer universitären Veranstaltung vorstellen. Buddha saß nicht vor einer Menschenmenge und erzählte von seinen Erkenntnissen, er manifestierte sie. Und gemäß der Kapazität der „Zuhörenden” kamen diese „Belehrungen” auf verschiedenem Niveau an. Als Hinan-, Maha- oder auch Vajrayana Unterweisungen.
Der Lehrer, Quelle der Inspiration, Basis, Weg & Ziel
Im Vajrayana, im Westen auch gerne einfach als Tibetischer Buddhismus übersetzt, der den schnellsten Weg umfasst, ist der Lehrer der zentraler Punkt. Der Lehrer ist die Quelle der Inspiration, der Unterweisung und der Erkenntnis. Er ist die Basis, der Weg und das Ziel. Ohne Lehrer könnten wir niemals auch nur in die Nähe der Befreiung kommen. Daraus lässt sich auch die große Hingabe ableiten, die wir unserem Lehrer entgegenbringen. Eine Hingabe, deren andere Seite der Medaille Mitgefühl ist, wie Situ Rinpoche immer wieder betont. Ohne Hingabe kein Mitgefühl und umgekehrt. Das eine entwickelt sich simultan zum anderen und wird von ihm nie getrennt sein. Und ohne Mitgefühl und Hingabe ist Erleuchtung nicht möglich. Für uns ist der Lehrer die wichtigste Person. Er verkörpert Weisheit und die Methoden, die es braucht, er ist unser persönlicher Zugang zur Lehre, für uns ist er der Erleuchtete, dem es gilt, gleich zu werden, um für alle anderen fühlenden Wesen wirken zu können.
SH 17. Karmapa in Tsurphu, TibetLehrer ist aber nicht gleich Lehrer. Traditionell wird zwischen dem Lama und dem Wurzellama unterschieden. Der Lehrer ist jener, der für uns sorgt, der mit all seiner Wärme und Güte immer für uns da ist, der all unsere persönlichen Probleme, Eigenschaften und Fähigkeiten kennt. Auf dieser Ebene ist er die großzügigste Person, die es für uns überhaupt geben kann. Er ist unsere Mutter. Im Gegensatz dazu gibt es den Wurzellehrer. Jener Lehrer, aufgrund dessen Belehrungen wir letztendlich die Natur unseres Geistes komplett realisieren können und nicht nur Erfahrungen derselben in unserer Praxis erlebt haben. Dieser Lehrer gibt uns die Mittel und Wege, diese Natur stufenweise freizulegen. Und erst dann, wenn wir das Ziel, jenen Geist, der ungeboren und frei, ohne Grenzen und durchdringend ist, vollständig verwirklicht haben, haben wir unseren Wurzellehrer (tib. Tsawä Lama) „gefunden“. Naropa sah in Tilopa während all der Zeit, die er die Anweisungen seines Lehrers praktizierte, in Tilopa seinen Wurzellehrer. Zum tatsächlichen Tsawä Lama wurde Tilopa aber erst für ihn, als Naropa selbst vollkommene Befreiung aus Samsara erlangt hatte. Jener Wurzellehrer, der uns definitiv mit den Mitteln und Methoden des Vajrayana auf den Pfad der Erleuchtung führt, ist genau der Lehrer, der die Übertragungen, Belehrungen und Instruktionen von seinen Lehrern bekommen hat, die in ihrer Gesamtheit die Linie bilden. Eine ungebrochene Linie der Übertragung, die sich auf Buddha Shakyamuni, der vor über 2500 Jahren in Indien Erleuchtung erlangte, zurückführen lässt.
Achtung: Gefahr!
Die Gefahr besteht nun, nur „seinem” Lehrer Hochachtung entgegenzubringen und die anderen nicht stattfinden zu lassen, da er der persönliche Zugang zur Lehre ist. Genau dann aber hat man den Sinn und Inhalt von Linie nicht verstanden. Der Lehrer, den man so hochhält, über alles und alle anderen stellt, ist ein Teil dieser Linie. Ohne jene wäre er nicht das, was er für uns ist. Er hat die Übertragungen von seinem Lehrer bekommen, der wiederum von seinem und wenn man die Linie nun zurückverfolgt, kommt man bei deren Ursprung an - Buddha Shakyamuni. Unser Lehrer gibt nicht seine „eigenen Weisheiten” zum besten, auch, wenn es so erscheinen mag, da er seine eigenen Beispiele, die aus seinem Leben gegriffen sind, bringt, will er damit nichts Anderes, als die Lehre, die Übertragungen für uns in unseren Kontext übersetzen. Die Essenz ist dieselbe seit jeher.
Der Ausgangspunkt war „Linie”. Hier schließt sich der Kreislauf wieder. Denn alles, was ich jetzt niedergeschrieben habe, kommt nicht von mir. Es kommt von einer Linie, einer Familie, in deren Tradition ich stehe und deren Lehrer mir großzügist die Lehren, Methoden und Wege aus dieser Linie vermitteln. Jene Lehren, die, wenn die Basis solide ist, die perfekten Mittel sind, zum Ziel zu gelangen. Irgendwann.
Im Vajrayana, im Westen auch gerne einfach als Tibetischer Buddhismus übersetzt, der den schnellsten Weg umfasst, ist der Lehrer der zentraler Punkt. Der Lehrer ist die Quelle der Inspiration, der Unterweisung und der Erkenntnis. Er ist die Basis, der Weg und das Ziel. Ohne Lehrer könnten wir niemals auch nur in die Nähe der Befreiung kommen. Daraus lässt sich auch die große Hingabe ableiten, die wir unserem Lehrer entgegenbringen. Eine Hingabe, deren andere Seite der Medaille Mitgefühl ist, wie Situ Rinpoche immer wieder betont. Ohne Hingabe kein Mitgefühl und umgekehrt. Das eine entwickelt sich simultan zum anderen und wird von ihm nie getrennt sein. Und ohne Mitgefühl und Hingabe ist Erleuchtung nicht möglich. Für uns ist der Lehrer die wichtigste Person. Er verkörpert Weisheit und die Methoden, die es braucht, er ist unser persönlicher Zugang zur Lehre, für uns ist er der Erleuchtete, dem es gilt, gleich zu werden, um für alle anderen fühlenden Wesen wirken zu können.
SH 17. Karmapa in Tsurphu, TibetLehrer ist aber nicht gleich Lehrer. Traditionell wird zwischen dem Lama und dem Wurzellama unterschieden. Der Lehrer ist jener, der für uns sorgt, der mit all seiner Wärme und Güte immer für uns da ist, der all unsere persönlichen Probleme, Eigenschaften und Fähigkeiten kennt. Auf dieser Ebene ist er die großzügigste Person, die es für uns überhaupt geben kann. Er ist unsere Mutter. Im Gegensatz dazu gibt es den Wurzellehrer. Jener Lehrer, aufgrund dessen Belehrungen wir letztendlich die Natur unseres Geistes komplett realisieren können und nicht nur Erfahrungen derselben in unserer Praxis erlebt haben. Dieser Lehrer gibt uns die Mittel und Wege, diese Natur stufenweise freizulegen. Und erst dann, wenn wir das Ziel, jenen Geist, der ungeboren und frei, ohne Grenzen und durchdringend ist, vollständig verwirklicht haben, haben wir unseren Wurzellehrer (tib. Tsawä Lama) „gefunden“. Naropa sah in Tilopa während all der Zeit, die er die Anweisungen seines Lehrers praktizierte, in Tilopa seinen Wurzellehrer. Zum tatsächlichen Tsawä Lama wurde Tilopa aber erst für ihn, als Naropa selbst vollkommene Befreiung aus Samsara erlangt hatte. Jener Wurzellehrer, der uns definitiv mit den Mitteln und Methoden des Vajrayana auf den Pfad der Erleuchtung führt, ist genau der Lehrer, der die Übertragungen, Belehrungen und Instruktionen von seinen Lehrern bekommen hat, die in ihrer Gesamtheit die Linie bilden. Eine ungebrochene Linie der Übertragung, die sich auf Buddha Shakyamuni, der vor über 2500 Jahren in Indien Erleuchtung erlangte, zurückführen lässt.








