KTC-News 1/99

Buddha, Dharma, Sangha

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Ausgabe wird später als sonst erscheinen, wofür ich mich vorneweg gleich einmal entschuldigen möchte. Das liegt daran, dass ich sie in Indien schreibe. Alfred und ich haben Wien gemeinsam Mitte Jänner verlassen und sind nach Kathmandu geflogen. Dort habe ich die noch ausstehenden Recherchen vorbereitet und bin dann nach vierzehn Tagen gemeinsam mit Mingyur Rinpoche und seinem Attendant nach Indien gereist.

Um ganz genau zu sein, werde ich insgesamt circa drei Monate in Palpung Sherab Ling in Situ Rinpoches Kloster leben, arbeiten und natürlich auch praktizieren. Sherab Ling ist ein riesiges Klosterprojekt und noch längst nicht vollendet. Wer schon einmal hier war, kann sich ungefähr ein Bild davon machen, warum ich derzeit keinerlei Möglichkeit habe, an einen Internetanschluß zu kommen.

Noch in Kathmandu haben wir in einer Redaktionssitzung beschlossen, in dieser Nummer auf den Stellenwert von Sangha und Gemeinschaft einzugehen und den Begriff zu erläutern. Wie so oft gibt es hier natürlich auch einige Fehlinterpretationen in der breiten Öffentlichkeit. Mögen sie beseitigt werden!

Man hat uns große Aufgaben in den Schoß gelegt und wir tun (hoffentlich) unser bestes, diesen nachzukommen und sie zu erfüllen. Da aber Zentren bekanntlicherweise nicht von ein, zwei oder drei Personen getragen werden und ihre Gründung auch nicht der Schaffung eines Spielfeldes für das Ego einzelner dienen soll und darf, kommt hier das, was auf den nächsten Seiten besprochen werden wird, konkret zur Anwendung. Das bedeutet kurz gesagt, dass es auch an Euch liegt, diese Pläne, die man mit uns allen hat, in die Tat umzusetzen.

Also, liebe Mitglieder und alle jene, die es noch werden wollen, lest zuerst die folgenden Beiträge und helft dann mit, jenen Platz, den unsere Lehrer mit ihrer klaren Vision bereits sehen, in die Tat umzusetzen.

Alles Liebe im Dharma

Buddha, Dharma, Sangha

Wir nehmen Zuflucht in die so genannten Drei Juwelen. Mit Buddha hat jeder gewisse Assoziationen, egal wer, ob Buddhist oder Nicht-Buddhist, seien sie komplett, fragmenthaft oder vage. Bei Dharma ist das schon weniger der Fall. Zumeist einfach übersetzt als die Belehrungen Buddhas. Aber mit Sangha tauchen weit mehr "Definitionsschwierigkeiten" auf.

Buddha

Wenn wir von Buddha sprechen, so ist das allererste Bild, das uns dazu im Gedächtnis lebhaft wird, sicherlich jenes von Buddha Shakyamuni. Sei es in Form von Statuen (die meisten Klöster haben als Zentralfigur ihrer Schreinräume Buddha Shakyamuni - groß und golden), in Form von Thangkas oder aber durch Kinofilme wie "Little Buddha" von Bertolucci, der die Lebensgeschichte in sein Oeuvre einbaut. Shakyamuni war aber nicht der erste historische Buddha und wird nicht der letzte sein. Um genau zu sein, war er der vierte, der für dieses Zeitalter von Bedeutung ist. Dieses Zeitalter, in dem auch wir leben, begann vor 2500 Jahren und wird noch lange andauern – die Zeitspanne zwischen zwei historischen Buddhas beträgt in etwa 2 Millionen Jahre unserer Zeitrechnung. Dann wird der fünfte historische Buddha sein Werk  beginnen und vollenden wie alle anderen Buddhas vor ihm und all jene nach ihm. Wenn ich historisch sage, dann deshalb, weil es weit mehr Wesen gibt, die diesen Zustand der Buddhaschaft realisiert haben. Unser Lehrer ist ein Buddha - erkennen wir es, erhalten wir den Segen und die Belehrungen eines Erleuchteten, sehen wir in ihm einen spirituellen Freund, erhalten wir Segen und Belehrungen eines solchen, sehen wir ihn aber nur als eine gewöhnliche Person, so wird das, was wir von ihm bekommen, dem entsprechen. In diesem Sinne wird es 1000 historische Buddhas geben, die in dem und für das entsprechende Zeitalter die Lehre "von neuem" in Schwung setzen.

Wir sind alle Buddhas

Auf einem anderen Level, aus der Sichtweise des Vajrayana, sind wir alle in Essenz Buddhas. Nicht in Verwirklichung, aber in Essenz. Es ist jener ursprüngliche Zustand des Geistes, den wir in buddhistischer Terminologie Buddha Natur nennen. Buddha Natur bildet die Grundlage dafür, daß wir dieses inhärente Potenzial verwirklichen und den Zustand der Buddhaschaft erreichen können, wenn wir mit Hingabe, Vertrauen und Ernsthaftigkeit praktizieren.

Unser Körper, der die wunderbare Gelegenheit mit sich bringt, in diesem Leben praktizieren zu können, ist ein Schrein, er beinhaltet als kostbarste Substanz diese Buddhanatur, die wir freilegen wollen. Das hört sich alles ganz einfach an. Theoretisch ist es das auch, aber in der Praxis muss dieses Freischaufeln und Graben sehr vorsichtig und unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers geschehen, denn sonst passieren Unfälle und Rückschläge wie auf einer Baustelle, wenn der Bauleiter nicht ständig seine Arbeiter kontrolliert und Instruktionen gibt.

Dharma

Soweit einige Gedanken zu Buddha. Was versteht man aber unter Dharma? Wie schon vorweggenommen, wird dieser Sanskritbegriff  als die Gesamtheit der Belehrungen Buddha Shakyamunis definiert. Dharma ist Linie, die ungebrochene sukzessive Überlieferung und zur Blüte gebrachte Weisheit, die unsere Lehrer uns übertragen und uns damit die Möglichkeit geben, uns auf dem Weg weiter zu entwickeln. Ist die Linie aber gebrochen, dann ist die Übertragung nicht mehr vorhanden. Dharma ist die Essenz alles Wahrhaftigen, die Basis, die Methoden und das Ergebnis aus der Anwendung der Mittel. Aus Vajrayanasicht ist Dharma alles und nichts insofern, als dass uns alles und nichts im Sinne von geringst zur Einsicht verhelfen kann. Diese höchste Einsicht, extreme Offenheit, ist jene in die eigene Buddhanatur, unseren Buddha in uns selbst. Letztendlich bleibt uns Sangha. Manche mögen jetzt sagen, das wäre ganz einfach und bedürfe keiner Erklärung. Tatsächlich ist das aber nicht ganz so simpel wie es aussehen könnte. Ich möchte all die Fehlinterpretationen nicht wiedergeben, damit sie nicht weiterhin fälschlich verwendet werden.

Außergewöhnliche und gewöhnliche Sangha

Und in Anbetracht der vielen, zu oft falschen Meinungen, die im Westen vorherrschen, habe ich alle diese Aussagen mit Situ Rinpoche Anfang März hier in Sherab Ling abgeklärt und er gab mir dabei folgende Erklärung.

Wir müssen zwischen der gewöhnlichen und außergewöhnlichen Sangha unterscheiden. Die außergewöhnliche umfasst alle jene Wesen, die zumindest die erste Stufe eines Bodhisattvas erreicht haben. Es ist dies die Versammlung von Buddhas, Bodhisattvas, Lama, Yidam und Beschützer. Wir nehmen in sie Zuflucht als die verschiedenen Aspekte von Buddha, seines Mitgefühls, seiner Weisheit und Aktivität. Sie sind Repräsentationen der allumfassenden Erleuchtung Buddhas, aufgrund derer wir unter ihnen Schutz suchen, bis wir selbst diesen Zustand erkannt und umgesetzt haben. Und, wie weiter oben erwähnt, ist der Lama die Verkörperung all dieser erleuchteten Qualitäten, in den wir deshalb Zuflucht nehmen.

Die gewöhnliche Sangha hingegen umfasst alle jene, die die volle Ordination genommen haben. Nun gibt es aber auch tantrisch Praktizierende, von denen oft als Sangha gesprochen wird. Sie zählen aber "erst dann" zur Sangha, wenn sie zumindest die besagte erste Stufe eines Bodhisattvas erreicht haben. Im Westen hat es sich eingebürgert, von einer Laiensangha zu sprechen, oder den Begriff Sangha auszudehnen. Damit konfrontiert konterte Rinpoche, dass in Tibet sich alle Menschen als Buddhisten bezeichnen. Mache sie das zum Mitglied der Sangha? Und, lachend, man stelle sich vor, ganz Europa würde sich Buddhist nennen - wären dann alle Europäer automatisch Teil der Sangha?

Das bedeutet, dass, um bei der Wahrheit zu bleiben, alle jene, die einem spirituellen Pfad folgen und die zuvor erwähnten "Merkmale" nicht aufweisen, sich "Gemeinschaft von Praktizierenden" nennen können oder"Anhänger", alles, aber eben nicht "Sangha".