Interview Ursache und Wirkung (70/09) mit Lama Palmo

zum Thema Schönheitsoperationen

„Ich suche die innere Schönheit!“

Lama Palmo ist eine der wenigen weiblichen Lamas und Lehrer des Tibetischen Buddhismus sowie die erste buddhistische Priesterin Österreichs. Über das Zusammenspiel von Körper, Geist und Schönheit.

U&W: Warum lassen Menschen einen kosmetischen Eingriff machen?

Das gehört auf verschiedenen Levels betrachtet. Eigentlich geht es doch um Schönheit. Auf dem ersten Level, alles rein äußerlich betrachtet, ist Schönheit ein Resultat aus dem Zusammenspiel von verschiedenen Parametern und diese wiederum sind lokal, regional, saisonal und temporär unterschiedlich. Was heute schön ist, war vor 20 Jahren nicht schön und wird in 100 Jahren nicht mehr schön sein. Anders ausgedrückt: Das, was wir heute als schön empfinden, ist demnach nichts anderes als ein punktuelles Empfinden. Die aktuelle Barbiepuppe ist nach den als perfekt empfundenen Maßen für die heutige Zeit gebaut worden, nicht nach denen des 20. Jahrhunderts.

Auf dem zweiten Level fragen wir uns bereits nach dem Warum. Warum möchte ich schön sein, oder was glaube ich, ist es, das mich schön macht. Wenn Schönheit nur dadurch entsteht, dass ich die äußeren, temporären Parameter erfülle, dann suche ich tatsächlich etwas im Außen, das ich eigentlich innerlich erleben möchte. Die Menschen kommen zu mir oder auch zum Schönheitschirurgen unter anderem, wenn es ihnen schlecht geht, wenn sie sich in oder unmittelbar nach einer Krise befinden. Allen gemein ist, dass sie sich wieder schön fühlen möchten – aber eigentlich innerlich. Die Frage ist: kann eine Veränderung von Außen zu einer inneren Schönheit führen? Oder müsste man nicht von Innen her anfangen und nach Außen arbeiten? Eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

U&W: Kann eine optische Verbesserung nicht auch eine Motivation zur Auseinandersetzung mit sich selbst sein?

Ich werde nie sagen: Lass dir was abschneiden oder dazubasteln. Ich werde immer sagen: Arbeite an deiner Essenz. Das, was dich schön macht, ist deine innere Schönheit. Früher habe auch ich mir den ganzen Körper rasiert und mich den gesellschaftlichen Zwängen unterzogen. Heute habe ich überall Haare – außer am Kopf, schminke und rasiere mich auch nicht mehr. Meine spirituellen Lehrer und Meister empfinde ich alle als wunderschön – und zwar, weil sie innerlich leuchten und nicht, weil sie so viele Haare am Kopf haben oder einen Waschbrettbauch. Kompensation wird langfristig nicht glücklich machen. Lässt sich Frau / Mann permanent ästhetisch korrigieren, wird der Geist immer weniger Kraft haben, um schön zu sein. Warum? Weil der Geist immer mehr in den Hintergrund gerät, da die Aufmerksamkeit auf der äußeren Hülle, auf der rein körperlichen Ebene, liegt. Das heisst: eigentlich ist unsere Suche nach Schönheit eine Suche nach Glück! Finde ich es innerlich nicht, suche ich es außen. Ein Autokauf, ein neues Gesicht, ein großer Busen – für fünf Minuten verspüre ich ein angenehmes Gefühl. Dauerhaft ist es nicht und die nächste Frustration ist vorprogrammiert. Zusammengefasst: An der Oberfläche befreien wir uns von Falten und kleinen Fettpolstern. In der Tiefe hat sich aber nichts verändert. Das Gefühl des tiefen Glücks kann ausschließlich von Innen kommen.

U&W: Wie arbeiten Ihrer Meinung nach Körper und Geist zusammen?

Würde ich meinen Körper negieren, würde ich ziemlich krank werden. Ich negiere ihn nicht, sondern sehe meinen Körper ganz pragmatisch als das an, was er ist. Er ist die Möglichkeit, meinem Geist ein Gefäß zu geben, um in diesem Leben sinnvolle Handlungen zu setzen. Der Körper ist, im Gegensatz zu unserem Geist, eine Art „Maschine“, die für eine gewisse Zeit funktioniert. Geist dagegen ist Kontinuum jenseits seiner temporären Hülle. Nur die Art und Weise, wie er verpackt ist, ändert sich von Abschnitt zu Abschnitt. Ich versuche meinen Körper möglichst lange in Schuss zu halten, gut zu behandeln und gesund zu leben. Ich möchte so lange wie möglich für andere Gutes tun. Irgendwann kapiert man dann auch, dass das, was man ist, mehr ist als der Körper.

U&W: Was raten Sie Menschen, die sich verschönern lassen möchten?

Schau dir das Problem bei der Wurzel an und behandle nicht nur die Symptome. Erkenne, warum du dich verändern lassen möchtest. Habe ich die Wurzel gefunden, kann ich viel sinnvollerer und nachhaltigere Maßnahmen setzen.

U&W: Können sich spirituelle Frauen auch unters Messer legen?

Bewerten kann ich das nicht. Jeder ist für das, was er tut selbst verantwortlich. Jeder spirituelle Mensch weiß, dass eine Handlung eine direkte Konsequenz zur Folge hat. Auf jede Handlung folgt also ein Resultat. Lasse ich mir, polemisch ausgedrückt, das „Hirn straffen“, kann es ohneweiters passieren, dass es mir nach zwei Jahren schon nicht mehr gefällt! Also sollte ich mit dem Wissen um die Konsequenz auf allen Levels meine Entscheidungen treffen.