Hubert von Goisern: Im Moment ist Tibet dran

Hubert von Goisern ist Kennern der österreichischen Musikszene als Crossover Genie bekannt. Mit den CDs „Aufgeigen statt niederschiassen“ und „Omunduntn“ hat er auf sich aufmerksam gemacht - er kombiniert Volkstümliches mit Rockigem und hat damit einen neuen Musikstil „erfunden“, der inzwischen gerne kopiert wird. Zuordnungen wie Volksmusik oder Popmusik lässt er nicht gelten, da es diese nach seinen persönlichen, menschlichen und musikalischen Erfahrungen in dieser Form auch gar nicht gibt. Aber nicht nur auf dem „konventionellen“ Musikparkett konnte er bisher sein Können zeigen, seine letzte Arbeit machte auch auf sich aufmerksam: Er komponierte die Filmmusik zu Filzmeiers Kinoerfolg „Schlafes Bruder“, der Film wurde prompt für den Auslandsoskar nominiert. Eigentlich hat er sich aus dem Musikbusiness zurückgezogen, um wie er sagt „wieder einmal was Neues zu machen“.

Derzeit tritt er als Moderator für eine Reihe von Veranstaltungen im Rahmen des tibetischen Neujahrs auf. Veranstalter dieser Tournee, die in ganz Österreich über eine Woche lang in einigen Städten zu sehen war, ist der Verein Save Tibet. Den Ehrenschutz für diese Veranstaltung übernehmen unter anderem Francesca und Karl von Habsburg und Heinrich Harrer.

Sabine Januschke [Mädchenname von Lama Palmo] hat Hubert von Goisern anlässlich seiner Aktivitäten in Bezug auf Tibet am 29. 02. 96 einige Fragen gestellt:

Mandala: Können wir unter Umständen damit rechnen, dass Österreich auch einen Richard Gere bekommen hat?

Hubert von Goisern: Es kommt immer auf das Medieninteresse an - ist es groß, kann man etwas bewirken, interessieren sich die Medien aber nicht, kann man auch nicht wie das Rumpelstilzchen herumhüpfen, da würden sie nicht auf dich aufmerksam werden und ernst nehmen würden sie dich auch nicht. Ich beginne gerade, mich zu interessieren.

M: Wie sind sie gerade auf Tibet gekommen, wie gestaltet sich Ihre Beziehung zum Dharma?

HvG: Für mich war der Buddhismus immer schon interessant, die Geisteshaltung, die die Leute haben - ich meditiere schon seit einigen Jahren. Außerdem bin ich ein Bergler, das heißt, dass ich über die Berge zu Tibet gekommen bin. Die haben mich immer schon interessiert und eine gewisse Faszination auf mich ausgewirkt. Schon als Kind war ich sehr beeindruckt von den Erzählungen von Heinrich Harrer über das Land. Über Harrer bin ich weitergekommen zum Dalai Lama. Ich meine, ich bin ein Kind des Westens, ich will kein Tibeter werden. Aber was mich immer erstaunt hat und was irgendwie auch ausschlaggebend war, war dieser Ansatz der Fröhlichkeit. Die Leute sind immer so fröhlich. Du wirst nie jemanden finden, der sich über sein Schicksal beschwert, oder jammert, sowie das im Westen der Fall ist. Da haben die Leute alles und in der Früh haben sie keinen Grund, warum sie aufstehen sollen und jammern nur, wie schlecht es ihnen geht. Ich war in Dharamsala und habe Straßenkinder gesehen - die haben ja wirklich nichts, die leben vom Verkauf von Zigaretten, oder Ähnlichem, aber die sind immer gut drauf und immer fröhlich. Ich lache lieber gut, als dass ich bös drauf bin. Das habe ich mit den Tibetern gemeinsam. Jetzt habe ich mich informiert und einiges kennen gelernt und gesehen und möchte jetzt natürlich wieder etwas zurückgeben.

M: Stichwort „zurückgeben“ - Dieses Zurückgeben - wie schaut das aus, wie wird das ausschauen; haben Sie schon eine Vorstellung, wie Sie wem was zurückgeben wollen?

HvG: Konkret kann ich das noch nicht sagen - ich weiß noch nicht. Auf jeden Fall möchte ich die Leute aufmerksam machen auf die Dinge, die in Tibet passieren. Ich meine, Tibet ist ein Stück unserer Welt und man muss dafür etwas tun - wenn‘s das Land nicht mehr gäbe, dann wäre die Welt ein Stückchen ärmer. Ich bewundere die Tibeter, die sind immer so arbeitsam, wie die Ameisen. Die Chinesen aber auch. Ja die Chinesen. Eigentlich sind das ja auch arme Hunde, die werden von ein paar senilen Alten regiert, die den Kontakt zu den Leuten, den Jungen längst verloren haben. Ich meine ich habe großen Respekt vor den alten Leuten, aber wenn eine Regierung, ein Land nur von alten Leuten geführt wird, dann kann das nur schief gehen, dann ist das eine verknöcherte Gesellschaft.

M: Der chinesischen Bevölkerung geht‘s ja auch nicht so sehr viel besser wie der tibetischen - abgesehen davon, dass sie z. B. nicht zur Atommüllhalde eines anderen Landes wurden. Die Chinesen sind religiös total entwurzelt, das macht, denke ich, die meisten Probleme.

HvG: Ja, die Chinesen - die sind allerdings entwurzelt. Die haben den Kommunismus zur Religion erhoben. Das musst du dir einmal vorstellen: die haben den Mao zu ihrem Götzen gemacht und beten die Bilder von dem an wie einen Gott. Nicht einmal die Tibeter machen das mit dem Dalai Lama, was die Chinesen mit dem Mao aufführen.

M: Ich habe jetzt eine relativ intime Frage - wie schaut‘s aus mit Lehrern, habe sie vielleicht einen Lehrer? Ich stelle diese Frage, weil wir von einem Medium sind, das naturgemäß Interesse für derartige Angelegenheiten hegt.

HvG: Ich habe sieben Jahre in Wien gelebt und im Laufe dieser Zeit viele buddhistische Lehrer kennen und schätzen gelernt. Ich war auf der Suche nach einem Guru. Da ist für mich der Dalai Lama ausschlaggebend - der hat gesagt, er ist kein Guru, er hat nur eine Aufgabe, die er erfüllt, ein Karma, das er auf sich genommen hat. Hut ab vor seiner Art, damit umzugehen. Ich bin eine Person, die auch immer wieder in der Öffentlichkeit steht, und ich kann nur sagen, dass es echt schwierig ist, das zu managen. Toll, wie er das macht. Ich selbst habe immer nur für kurze Zeit Lehrer gehabt - auch in der Musik- da habe ich mir geholt, soviel ich eben verarbeiten konnte, wenn‘s mir zuviel war, bin ich zum nächsten Lehrer marschiert. Ich wollte nie werden wie meine Lehrer, auch hinsichtlich der Spiritualität. Ich meine ich bin eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, das heißt, manche Leute machen mich immer wieder zum Idol - ich kann mit dem Idol-Sein nicht umgehen und manchmal bin ich da auch ein bisschen schroff.

M: Wird man Sie in Zukunft eher wie gewohnt als Einzelkämpfer für Tibet und seine Menschen beobachten können, oder eher gemeinsam mit Organisationen, wie z. B. Save Tibet?

HvG: Ich bin in vielerlei Hinsicht engagiert - ich habe Projekte in Afrika, aber auch in Österreich laufen. Die Kinder sind für mich am wichtigsten. Ansonsten springe ich überhaupt ein, wenn ich sehe, dass Not am Mann ist. Im Moment ist halt Tibet am wichtigsten - ich will gegen die Ungerechtigkeit kämpfen. Ausbeuten bringt nichts! Weil Machtmissbrauch auch kein Glück bringt. Lieber arm und gut darauf, als reich und keine Perspektiven. Das ist die Erkenntnis.

M: Ihr weiteres Engagement ..?

HvG: … wird sicher nur im Rahmen der Kunst möglich sein. Ich habe zwar gesagt, ich kehre nicht mehr auf die Bühne zurück, aber wenn‘s wichtig ist, wie hier, dann tue ich es einfach. Ich stelle keine sturen Regeln auf. Ich bin z. B. Vegetarier, aber wenn ich wo hinkomme, wo ich eben nur Fleisch bekomme, wie zuhause, da gibt’s dann Schnitzeln, dann esse sich das einfach und lehne mich nicht entsetzt zurück und verkünde: Ich bin Vegetarier ich esse das nicht!

(erschienen Mandala Mai 1996, Nr. 4)