Fest für einen Wiedergeborenen
Buddhismus: Die Inthronisation eines geistlichen Oberhauptes
Stirbt ein hoher buddhistischer Priester, sucht man seine Inkarnation. Wird man fündig, wird er in einer Zeremonie inthronisiert - wie im vergangenen Monat. Ein Lokalaugenschein.Raunen und Getuschel gingen durch die Menge, als Richard Gere den Schrein betrat und vom Oberhaupt des buddhistischen Klosters begrüßt wurde. Er, der Parade-Buddhist der westlichen Welt, war gekommen, um zu feiern. Und mit ihm kamen Tausende Gläubige aus aller Welt. Denn der 5. Dezember ist neuerdings einer der wichtigsten Tage für Buddhisten. In Kathmandu wurde ein neues geistliches Oberhaupt inthronisiert: Yangsi Rinpoche stand in seiner vorherigen Inkarnation einer der vier Schulen des tibetischen Buddhismus („Nyingma“) vor.
Schon Tage zuvor war das Kloster mitten im Himalaya von Mönchen, Nonnen, Buddhisten und Freiwilligen aus der ganzen Welt liebevoll geschmückt worden. Langlebens-, Opfer- und Beschützergebete stimmten die Gäste auf die große Feier ein: zweitausend Geladene fanden im Klosterhof Platz, weitere zweitausend konnten das Ereignis vor den Toren in eigens dafür vorbereiteten Zelten verfolgen - über Monitore wurde die Inthronisation simultan übertragen. Offensichtlich verstehen auch die tibetischen Buddhisten, die Segnungen des Informationszeitalters für sich zu nutzen.
Der junge Rinpoche, für den diese Feier ausgerichtet wurde, heißt Urgyen Tenzin Jigme Lhundrub. Ein Name, der ihm von S. H. Dalai Lama höchstpersönlich gegeben wurde. Dieser war es auch, der ihn als Inkarnation von Dilgo Khyentse Rinpoche anerkannt hatte.
Dilgo Khyentse Rinpoche (1910 bis 1991) stammte aus einer Ministerfamilie aus Osttibet. Schon im Kindesalter trat er ins Kloster ein und wurde dort als Inkarnation von Jamyang Khyentse Wangpo (1820 bis 1892) anerkannt und inthronisiert. Nachdem während der Kulturrevolution auch sein Kloster von den Chinesen zerstört wurde, flüchtete er nach Nepal ins Exil. Der verstorbene Rinpoche war Friedensstifter und Gelehrter. Der Dalai Lama sagte über ihn: „Er war einer meiner wichtigsten Lehrer.“ Auch Herrscher wussten seine Weisheit zu schätzen: Dilgo Khyentse Rinpoche war religiöser Ratgeber des Königs von Bhutan. Im September 1991 starb er.
Und man begab sich auf die Suche nach dem neuen Rinpoche.
Am zehnten Tag des fünften Monats im Vogeljahr, am 30. Juni 1993, wurde - so der buddhistische Glaube - seine Inkarnation (tibetisch: Yangsi) geboren.

- Trulshik Rinpoche während der Feierlichkeiten
Bei der Entdeckung des jungen Rinpoche spielten Träume und der engste Vertraute des alten, verstorbenen Rinpoche eine große Rolle: Dieser Freund hatte mehrere Visionen, in deren Verlauf sich ihm nicht nur Tag und Ort, sondern auch die Eltern der Wiedergeburt offenbarten. Und die Inkarnation, ein heute fünfjähriger Bub, wurde tatsächlich gefunden.
Ihm zu Ehren haben sich die Gäste an diesem 5. Dezember in Kathmandu eingefunden, trugen verschiedenfarbige Armbinden, die anzeigten, wann sie sich auf dem Festgelände einzufinden hatten. Alle werden feierlich mit Sakralmusik in Empfang genommen.
Und auch der alte Rinpoche war allgegenwärtig: Während der Zeremonie wurde eine lebensechte Nachbildung von Dilgo Khyentse Rinpoche enthüllt.
Als letzter erschien schließlich die Hauptperson: auf den Schultern eines hohen Lamas thronend, unter Sakralmusik und Tänzen, wurde Yangsi Rinpoche zu seinem Thron geführt.
Vielfältig wie die Gäste selbst, waren die Geschenke für den jungen Tulku: Tibetische Glücksschals (Katak) und Ritualgegenstände für den neuen Rinpoche; Spielzeug für den kleinen Buben.
Die königliche Familie von Bhutan überhäufte die Inkarnation ihres religiösen Ratgebers mit unzähligen Geschenken: Wertvolle Teppiche, Brokate, Sakralinstrumente, Statuen, Ritualgegenstände und natürlich auch die bekannten Stoffe aus Bhutan.
Danach durften auch die übrigen Gäste ihre Wünsche und Gaben darbringen.Ein gemeinsames Mittagessen in eigens dafür aufgestellten, traditionell tibetischen Festtagszelten und Lamatänze ließen das Ereignis sanft und zur Freude aller Teilnehmer ausklingen - nach weiteren vier Tagen.
Auch tibetische Buddhisten verstehen ihre Feste zu feiern.
Stichwort Reinkarnation
Buddhisten glauben an die Wiedergeburt. Für sie hört das Leben nicht mit dem Tod auf. Lebewesen werden entsprechend immer wieder geboren: Als Tier oder Mensch zum Beispiel, wobei die menschliche Wiedergeburt als beste gilt. Ziel ist, sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu befreien und Erleuchtung zu erlangen.
Manche außergewöhnliche Individuen können bewusst reinkarnieren und tun es auch - um den anderen zu helfen, der Erleuchtung ebenfalls einen Schritt näher zu kommen. Einer von ihnen war Dilgo Khyentse Rinpoche (1910 bis 1991), der 1993 wiedergeboren wurde. Seine Inkarnation erhielt 1995 den Namen Urgyen Tenzin Jigme Lhundrub und wurde im vergangenen Dezember in einer feierlichen Zeremonie in Katmandu, Nepal, inthronisiert.
(erschienen im Kurier, 4. Jänner 1998)




