Ema Ho or Karma Kagyu in the West
Was bewegt einen, im Westen, mit der christlichen Religion im Hintergrund Aufgewachsenen dazu, sich für den Buddhismus, im besonderen den tibetischen und im speziellen mit den Lehren der Karma Kagyu Tradition zu interessieren? Was ist der Ausschlag, dass man sein ganzes Leben umkrempelt und versucht, seine, von einem authentischen Lehrer dieser Tradition erhaltene Praxis zu integrieren, immer mit der Motivation, die Erleuchtung zum Nutzen aller fühlenden Wesen zu erreichen? Fragen über Fragen, deren Beantwortung naturgemäß sehr subjektiv ist. Dass die Geschichte dieser Tradition, der ich mich angehörig fühle, bereits über ein Jahrtausend alt ist, lernte ich erst viel später, am Anfang stand das tiefe Verbundenheitsgefühl, die endlose Sehnsucht, die ich mein ganzes Leben verspürt hatte, ohne den Grund für dieselbe zu kennen. Eine Sehnsucht, die erst dann verschwand, als ich mit den Lehren in Verbindung kam. Die Geschichte dieser Linie denke ich, ist für das Verständnis der Lehre, aber auch der tibetischen Kultur als solchen von erheblicher Wichtigkeit. Denn wie kann man eine Kultur, losgelöst von ihren Wurzeln, auch nur annähernd zu verstehen glauben?

- Düsum Khyenpa, SH 1. Karmapa, Statue in Rumtek
Die Karma Kagyu Linie
Die Linie der Karma Kagyu leitet sich vom Ur-Buddha Vajradhara, dem tantrischen Aspekt des historischen Buddha Shakyamuni ab, wurde weiter übertragen an den Indischen Meister Tilopa, von diesem weiter an den Indischen Meister Naropa, den Tibeter Marpa, weiter an Milarepa und an Gampopa, der der Lehrmeister des ersten Karmapa, Düsum Khyenpa, war. Der erste Karmapa begann mit der Reihe der bewussten Inkarnation, die bis heute ungebrochen ist. 1985 wurde der siebzehnte Karmapa in Lhatok, im Osten Tibets geboren und von S. H. dem vierzehnten Dalai Lama offiziell anerkannt.
Der Weg in den Westen
1959 floh der sechzehnte Gyalwang Karmapa, Rangjung Rigpe Dorje, aus Tibet nach Indien, mit ihm einige tausend Lamas und Mönche. Auf Wunsch des Königs von Sikkim, Chogyal Tashi Namgyal, kam S. H. Karmapa nach Sikkim und baute in der Nähe des alten Klosters Rumtek ein neues auf. Dass Karmapa gerade in Sikkim Exil fand, ist unter anderem durch die starke Verbindung der Karma Kagyu zum Land zu erklären: unter dem neunten Karmapa, Wangchug Dorje, wurden drei wichtige Klöster gebaut, eines von ihnen ist Rumtek, das gegenüber der Hauptstadt Gangtok auf einem sanften Hügel liegt. Das neue Kloster Rumtek wurde mit der Hilfe einer Frau aus dem Westen, die später Schülerin und eine von S. H. Karmapa ordinierte Nonne mit dem neuen Namen Gelongma Kachog Palmo wurde, aufgebaut und 1966 vollendet. Sie wurde bekannt als Schwester Palmo und mit der Hilfe und dem Segen Karmapas baute sie außerdem noch eine Schule für junge Lamas auf, welche zu Beginn von ungefähr vierzig jungen Tulkus aus allen vier Richtungen des tibetischen Buddhismus, Nyingma, Kagyu, Sakya und Gelug, besucht wurde. Hier lernten sie Englisch, um später zu ihren Linien zurückzukehren und weiters im Westen unterrichten zu können. Gemäß der Prophezeiung von Guru Rinpoche, der vorhersagte, dass wenn „Metallvögel am Himmel flögen, der Dharma in den Westen ginge“, entsandte der sechzehnte Karmapa mehrere Tulkus, die Absolventen der von Schwester Palmo gegründeten Schule waren, in den Westen, um den Dharma zu lehren. Unter diesen jungen Tulkus waren Chogyam Trungpa Rinpoche und Akong Rinpoche, die nach England kamen. Jeder der beiden arbeitete für eine Zeit als Direktor der Schule. Später schickte S. H. Karmapa auch Chime Rinpoche und Ato Rinpoche nach, um Akong Rinpoche und Trungpa Rinpoche bei der Bewältigung der Aufgaben zu helfen. Chogyam Trungpa lebte zuerst in England und gründete später gemeinsam mit Akong und Chime Rinpoche in Schottland das Kloster Kagyu Samye Ling. Chime Rinpoche verließ Samye Ling bald und gründete das Meditationszentrum Marpa House nahe London, Ato Rinpoche ließ sich in Cambridge nieder. In den frühen siebziger Jahren kam Chogyam Trungpa Rinpoche in die Vereinigten Staaten von Amerika, gründete dort „Tail of the Tiger“, das erste Zentrum Karmapas in Nord Amerika, ließ sich letztendlich in Boulder, Colorado, nieder, um dort Vajradhatu mit „Filialen“ und Studiengruppen in ganz Amerika zu gründen. Das Hauptzentrum Vajradhatus wurde nach Halifax, Nova Scotia, transferiert. Ihnen und ihren Aktivitäten ist es zu verdanken, dass wir heute weltweit in unzählige Zentren des tibetischen Buddhismus die Lehre Buddhas studieren können.
In dieser Zeit des Umbruchs und der Gründung vieler Dharma Zentren im Westen kamen auch immer wieder Studenten aus dem Westen nach Rumtek. So auch eine Gruppe von Kanadiern, deren Lehrer, Ananda Bodhi, ein Theravada Praktizierender war. Ananda Bodhi und einige andere westlicher Schüler erhielten auf deren Wunsch hin Ordination als Kagyu Mönche durch S. H. den Karmapa. Anandha Bodhi bekam den Namen Namgyal. Er gründete das erste Zentrum Karmapas in Kanada, in der Nähe Ontarios. Bei seinem zweiten Aufenthalt in Rumtek, während dessen er Einweihungen und Belehrungen von S. H. Karmapa, erhielt, bat er um einen Besuch Karmapas in Kanada. Chogyam Trungpa Rinpoche hatte Gyalwa Karmapa ebenfalls schon einige Male gebeten, den Westen zu besuchen. Auf diese Bitte hin entsandte Seine Heiligkeit Kalu Rinpoche, der Europa, Kanada und die Vereinigten Staaten von Amerika besuchte. Aufgrund dieser Rundreise wurden spontan zahlreiche Zentren unter Kalu Rinpoche gegründet. Als Resultat all dieser Aktivitäten sah S. H. Karmapa die Zeit reif, selbst in den Westen zu fahren und alle Zentren der Karma Kagyu Tradition des Tibetischen Buddhismus zu besuchen. So machte er sich 1974 in Begleitung von zwölf Personen, unter ihnen sein persönlichen Übersetzer, sein persönlicher Begleiter, Schwester Palmo, der Vajra Meister Rumteks, Thubten, der Umze Rumteks, Tenga Rinpoche, Tenzin Chonyi (Präsident des Nordamerikanischen Zentrum von Karmapa „Karma Triyana Dharmachakra“) und weitere sieben Mönche, auf die Reise. Die Reise führte sie nach London und weiter nach New York. In New York gab S. H. Karmapa einige Einweihungen und Belehrungen und obwohl zu dieser Zeit nur wenige junge Amerikaner vom tibetischen Buddhismus wussten, waren ungefähr dreitausend Personen bei der „Schwarzen Krone Zeremonie“ anwesend. Von New York reiste die Gesellschaft weiter nach Vermont, Massachusetts, Michigan, Colorado, New Mexico, Arizona, Californien, British Columbia und Toronto. Überall, wo er hinkam, hörten hunderte bis tausende Menschen seine Belehrungen und erhielten seinen Segen. Nach dieser Rundreise in Amerika kam Gyalwang Karmapa wieder nach Europa, um hier zu lehren. So besuchte er Norwegen, Schweden, Dänemark, Holland, Deutschland, Frankreich und auch Österreich. Es folgten weitere Besuche im Westen - so 1976 und 1980, der zugleich sein letzter Besuch war. Während der zweiten und dritten Reise wurde der Gyalwa Karmapa von Jamgön Kongtrul Rinpoche begleitet. Durch die Reisen, aber auch durch die Entsendung vieler Lehrer in den Westen konnte Seine Heiligkeit nicht nur viele Zentren der Karma Kagyu Tradition gründen, sondern ebnete auch den Weg für die Linienhalter der drei anderen Traditionen des Tibetischen Buddhismus.
S. H. der sechzehnte Karmapa verließ seinen Körper am fünften November 1980 in Zion, Chicago in Amerika. Sein Körper blieb drei weitere Tage in voller Meditationshaltung und die Gegend um sein Herz blieb warm. So setzte S. E. Jamgön Kongtrul Rinpoche die Reisen in den Westen fort und bemühte sich um das Erstarken der Lehre im Westen. S. E. Khenting Tai Situ Rinpoche organisierte 1980 die Weltfriedenskonferenz.
Die "Befreiung" Tibets
Dass wir heute in der glücklichen Lage sind, am Wissen der großen Lehrer des tibetischen Buddhismus teilhaben zu können, ist also genau genommen auf diese beinahe Auslöschung eines ganzen Volkes, die ihren Anfang im Oktober 1950 nahm, zurückzuführen. Peking wollte die „friedliche Befreiung“ Tibets erreichen, eine Befreiung, die weder von den Tibetern gewünscht, oder verstanden wurde. Denn befreit sollten die Tibeter von ihrer jahrtausendealten Kultur und Religion werden, einer Religion, die die Grundlage der gesamten Kultur bildet. Einer Lebensart, die den Tibetern weder oktroyiert noch vorgeschrieben wurde, vielmehr Lebenseinstellung, als tote Religion war. Mittel zu dieser „Beglückung“ waren Enteignungen, Folter, Morde, Zwangslaiisierungen von Mönchen und Nonnen. Mit voller Brutalität und Gewalt wurden so gut wie alle der sechstausend Klöster Tibets niedergerissen und die darin wohnenden Mönche zuerst zur Zerstörung derselben gezwungen, um dann entweder ermordet zu werden oder in Gefängnissen oder Arbeitslagern unter Folter elend zu sterben. S. H. Dalai Lama und mit ihm 80000 Tibeter flohen 1959 ins indische Exil.
Rolle und Stellenwert des Lehrers
Der Tibetische Buddhismus konnte sich mit Hilfe Gyalwang Karmapas im Westen etablieren und immer mehr Menschen interessierten und interessieren sich weiterhin für diese einzigartige Religion. Dass sich der Buddhismus im Westen auf seine eigene Art entwickeln würde, war allen klar und notwendig. Es sind dies Veränderungen, die die Essenz des Tibetischen Buddhismus nicht berühren, aber zur besseren Integration desselben in unser westliches Leben beitragen. Das Interesse ist nach wie vor ungebrochen - sei es aus kultureller, spiritueller oder rein intellektueller Sicht. Es liegt durchaus in der westlichen Art, Neues gerne aufzunehmen, für alles offen zu sein. Daraus können sich aber auch erhebliche Probleme ableiten, die dann auftreten, wenn man versucht, das Neue nach den eigenen Vorstellungen zu verändern. Das überlieferte Wissen als Basis zu nehmen, um daraus etwas vollkommen Neues zu kreieren. Das bedeutet nicht, dass sich der Buddhismus nicht in Veränderung befinden dürfe, sich nicht den vorgefundenen Begebenheiten anpassen dürfe. Wichtig dabei ist einzig alleine der immerwährende Bezug zur Grundlage – Buddha Shakyamuni und seine ungebrochene Linie von Übertragungen, die getragen wird von der Lehrer-Schüler-Beziehung, das Reinhalten der beidseitigen Versprechen und Engagements. Eine Beziehung, die erst die Frucht der Praxis bringen kann, die die Übertragung der Lehre möglich macht. Eine Übertragung, die seit Anbeginn der Linie - Buddha Vajradharas ungebrochen ist.
Der Buddhismus ist im Westen noch nicht voll etabliert, immer wieder ist er mit Herausforderungen der unterschiedlichsten Provenienz konfrontiert. So scheint es grundsätzlich unmöglich, den tibetischen Buddhismus mit seinen vier großen Hauptrichtungen Nyingma, Kagyu, Sakya und Gelug im Westen ernsthaft betreiben zu wollen, ohne ihn nicht auf seine Wurzeln zu rückzubeziehen, was auch sein kulturelles Umfeld miteinschließt, das ihn maßgeblich formte. Dann, will man den Dharma, die Lehre, ernsthaft praktizieren und studieren, bedarf es einfach großer Lehrer. Lehrer, die aus Tibet kommen und die volle Übertragung bekommen haben. Lehrer, die aus dem Exil kommen und ebenfalls die volle Übertragung bekommen haben. Es gibt in der Zwischenzeit allerdings auch schon manche westliche Lehrer, die diese Übertragung erhalten haben. Der authentische Lehrer kann die ungebrochene Überlieferung der Lehren weitergeben. Jene Lehren, die Buddha Shakyamuni vor zweitausendfünfhundert Jahren manifestierte. Doch nicht jeder, der sich Lehrer nennt, ist ein wahrer Meister. Und das gilt für Ost und West. Um herauszufinden, ob der Lehrer, zu dem man sich hingezogen fühlt, authentisch ist, ob er die Lehren der Tradition gemäß weitergibt und nicht seine eigenen „Weisheiten“ zum besten gibt, sollte man diese Person, der man sein Vertrauen schenken möchte, genau prüfen. Handelt es sich um einen authentischen Lehrer, so wird er erfreut sein, wenn der Schüler ihn „prüft“. Diese Prüfung ist unbedingt notwendig, um dem Lehrer, seinem wahren ich, später volles Vertrauen und Hingabe, Grundlage für die volle Entfaltung der Praxis, entgegenbringen zu können.
Integration im Westen
Ich bin ganz sicher, dass der Buddhismus im Westen seine eigene Ausdrucksform erfahren wird, Elemente, der hier vorgefundenen Kultur integrieren wird, so wie das immer der Fall war. In Tibet selbst waren die Meister, die versuchten, den Dharma, der aus Indien von Buddha Shakyamuni kam, zu integrieren, mit der tibetischen Urreligion, Bön, konfrontiert. Eine Versöhnung und das friedliche Nebeneinander kam allerdings erst im achten Jahrhundert mit der Hilfe Padmasambhavas, auch Guru Rinpoche (kostbarer Lehrer) genannt, zustande. Aber all das braucht eine gewisse Zeit, kann nicht von heute auf morgen passieren. Immer wieder möchten wir Schüler aus dem Westen die Heimat des tibetischen Buddhismus kennenlernen und fahren in den Osten. Manche von uns versetzen dafür ihre Häuser, Autos, ihre Wertgegenstände. Dass dies nicht der Weg ist, liegt auf der Hand. Der Buddhismus lehrt den Weg der Mitte. Wer also heute etwas über diesen Buddhismus lernen möchte, hat durchaus die Möglichkeit, im Westen erste Kontakte zu bekommen. Immerhin ist die Zahl der Dharma Zentren im Steigen begriffen und alle großen Lehrer kommen in mehr oder weniger großen Abständen, um diese Zentren zu besuchen und Belehrungen zu geben. So konnte man in den letzten Jahren nur in Wien und Umgebung, was Karma Kagyu betrifft, unter anderem S. E. Situ Rinpoche, Sangye Nyenpa Rinpoche, Tenga Rinpoche, Chime Rinpoche, Ato Rinpoche, und viele andere Lehrer treffen, von ihnen lernen, mit ihnen meditieren und an ihrem Wissensschatz teilhaben. Immer wieder betonen Lehrer, dass es sogar hilfreicher ist, die Lehren zuerst in vertrauter Umgebung kennen zu lernen, um anfangs nicht überfordert zu sein. Es ist aber durchaus verständlich, dass man, nachdem man diesen ersten, oder vielleicht zweiten Kontakt hier in der gewohnten Umgebung hatte, den Drang verspürt, die Wiege des Tibetischen Buddhismus, also Tibet selbst und die Regionen im Exil, in denen Tibeter leben, kennen zu lernen. Dieser Ruf hat auch mich ereilt und so war ich im letzten November mit meinem Mann in Sikkim. Jenem Stückchen von Indien, das S. H. Karmapa Exil gewährte und seit den Sechzigern mit Rumtek den Exilsitz jener Richtung des Tibetischen Buddhismus, der ich mich angehörig und verpflichtet fühle, repräsentiert.
Rumtek, Exilsitz der Karma Kagyu in Sikkim
Sikkim ist zwar Teil von Indien (seit 1975 der zweiundzwanzigste Bundesstaat Indiens), dennoch ganz anders als das restliche Land. Im Norden erhebt sich der Himalaya und schließt an Tibet an. Hügelig und bewaldet, auf einer durchschnittlichen Seehöhe von tausendsiebenhundert Metern. Rumtek selbst liegt friedlich auf einem Hügel, gegenüber der Hauptstadt Gangtok, umgeben von vielen Tibetern, besucht von einigen Westlern, aber noch viel mehr Indern. Seit das Kloster als Hintergrundkulisse für einen Hindu Kinofilm diente, pilgern Inder gerne zu den Originalschauplätzen. Außerdem ist es für Inder prestigeträchtig, im für indische Verhältnisse teuren Sikkim Urlaub zu machen. Rumtek ist aber trotz des Touristenansturms eine Insel des Friedens und wer mit den Mönchen meditieren, oder an einer Puja teilnehmen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Ein Ort der Begegnung zwischen Ost und West. Wir konnten von Tibetern lernen und sie lernten von uns. So durften wir unter anderem dem Umze (Vorsänger) auf dessen Bitte das Funktionieren einer Fotokamera erklären. Im Austausch dafür erfuhren wir viele Geschichten über das Land, die Leute, die Kultur. Wenn am Morgen die Sonne aufgeht, begrüßen die Mönche den neuen Tag mit einer Puja und wenn sie abends wieder untergeht, wird die Nacht mit einer anderen eröffnet. Untertags praktiziert man eifrig und die Pausen werden von den jüngeren Mönchen zum Fußballspiel, von den älteren Mönchen zum gemütlichen Beieinandersitzen genützt. Wir fühlten uns sehr geborgen, umgeben von der Ruhe und Gelassenheit von diesem sowie anderen Klöstern, die wir besuchen durften.
Ich wende mich dem Buddhismus zu
Nach wie vor bin ich aber die Frage schuldig geblieben, wie und weshalb ich mich dieser Form des Buddhismus zugewandt habe. Warum ich überhaupt zum Buddhismus kam, kann man nicht mit einem Ereignis begründen. Wahrscheinlich kann das niemand mit hundertprozentiger Genauigkeit. Ich kann nicht sagen, dass das Interesse zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen hat. Weder, dass es plötzlich da war, noch dass es lange dauerte, es zu entwickeln. Es ist mehr ein Gefühl, ein Wissen, das sich fortsetzte. Ereignisse aus der Kindheit, Gedanken, Gefühle und Problemlösungen aus derselben, die jetzt wieder auftauchen in der Praxis sind ein Spiegel all der Belehrungen, die ich im Laufe der Zeit erhalten durfte von einigen der großartigsten Lehrer dieser Zeit. Das mag sich anhören, als wäre es ein Versuch, all das Er- und Gelebte einseitig auslegen zu wollen. Und das ist nicht weiters verwunderlich, dennoch ist es nicht so. Es ist viel mehr ein tiefes Verständnis für die Dinge. Eine Art von Verstehen, die ganz natürlich da ist, da war. Dann kam der Moment, an dem ich mich bewusst dafür entschied, dieser Zugehörigkeit Ausdruck zu verleihen und nahm Zuflucht. Wiederum war es kein Punkterlebnis, so bombastisch und außergewöhnlich, dass jedermann es sehen konnte, sondern die Summe verschiedener Ereignisse, die mich letztendlich veranlasste, diesen Schritt mit allen Konsequenzen und im vollen Bewusstsein der daraus entstehenden Verpflichtungen zu gehen. Das Aufgehen der Sonne am nicht enden wollenden Horizont, ein Gefühl tiefer Sehnsucht und der gleichzeitigen Erfüllung aller dieser Sehnsüchte. Geborgen und Gehalten.
Mögen alle Lebewesen den tiefen Frieden und die Weisheit der Lehren erfahren.
(erschienen Ursache und Wirkung Nr. 20/Frühjahr 97)





