Interview mit S. H. Gyalwang Karmapa und Lama Damdül

- Gyalwang Karmapa in Tsurphu, 1999
Die beiden folgenden Gespräche wurden im Mai 1999 in Tsurphu, Tibet separat geführt. Wir haben sie zur besseren Lesbarkeit zusammengeführt.
F: Im Vergleich zu westlichen Universitäten und Ausbildungsstätten im allgemeinen ist auffallend, daß die Studenten an der Shedra gerne studieren - von frühmorgens bis spätabends. Während bei uns Leistungsdruck, Konkurrenzdenken und die Angst, später einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden, vorherrschen, scheinen diese Zustände hier unbekannt zu sein. Wie ist die Situation tatsächlich?
L. D.: Ein Konkurrenzkampf ist nicht vorhanden. Einer der Lehrinhalte ist, beim Lernen keinen Wettbewerbsgeist zu entwickeln, sondern einander gegenseitig zu unterstützen. Drupon Dechen Rinpoche sagte immer, „alle die hier zusammenleben, sind als Gemeinschaft stärker als eine Familie“. Bei der Abschlußprüfung müssen die Mönche nicht nur ihr intellektuelles Wissen unter Beweis stellen, sondern auch, daß sie die Essenz dessen, was sie gelernt haben, in den Alltag umgesetzt haben.
Daß sie es aktiv in die Tat umsetzen können. Demgemäß gibt es auch keinerlei Kämpfe. Um ihre Zukunft müssen sie sich auch keine Sorgen machen. Alle Khenpos, also erfolgreiche Absolventen der Shedra, da es nur mehr wenige in Tibet selbst gibt, sind an allen Klosteruniversitäten in ganz Tibet willkommen, Tsurphu gilt als Eliteuniversität.
F:Im Westen haben die Menschen angesichts der Probleme der Zeit - Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit, etc. Angst vor der Zukunft. Wie ist die Situation in Tibet? Wie geht S. H. Karmapa mit der Angst der Menschen vor einem Weltuntergang um?
L. D.: Diese Angst kennen die Tibeter nicht, sie haben den Dharma. Die Lehre, Karmapa, geben ihnen Sicherheit in ihrem Leben. Jemand allerdings, der Probleme bekommt und sie nicht bereinigen kann, der sein Vertrauen in die Lehre verliert, hat sich die Verbindung zur Linie abgeschnitten, dann ist die Ausrichtung in seinem Leben verloren gegangen.
Auch in China geht die Angst vor einem Weltuntergang um, immer wieder werde ich gefragt, ob es zu einem solchen aus buddhistischer Anschauung kommen wird. Das ist eine sehr gute Frage, die Sie vielleicht S. H. Karmapa stellen sollten.
F: Die Zeit scheint schwierig zu sein, es treten viele Hindernisse für die Praxis auf, immer wieder sind wir mit dem Phänomen „falsche Lehrer“ konfrontiert, es scheint, hauptsächlich im Westen. Wie kann man herausfinden, ob ein Lehrer authentisch ist?
L. D.: Dieses Phänomen tritt überall auf. Es ist nicht gleich überprüfbar. Man kann aber anhand des Verhaltens solcher Menschen feststellen, was ihre Motivation ist. Ausschlaggebend dabei ist, ob sie den Menschen den Weg zur Befreiung weisen können. Ein realisierter Lama hat es nicht notwendig, für sich zu werben, er beweist sich durch seine Taten. Man muß nur überprüfen, ob ein Lehrer die ungebrochene Linie der Übertragungen hält, ob er ein Teil derselben ist, dann ist alles eindeutig. In Tibet ist das sehr einfach für Praktizierende. Sie orientieren sich an S. H. Karmapa.
F: Viele Menschen, die in Sozialberufen tätig sind, kennen das Gefühl, ausgelaugt, kraftlos zu sein, sie fragen sich, was sie falsch machen, da sie doch ihr Leben in den Dienst der anderen stellen.
L. D.: Es gibt manche Menschen, die für das, was man ihnen anbietet, nicht geeignet sind. Ich möchte sie mit der Haut, in der wir Tibeter unsere Butter aufbewahren, vergleichen. Obwohl Butter so viel geschmeidig machen kann, wird sie niemals diese Haut, in der sie gelagert wird, weich machen. Ich möchte die Situation mit einem weiteren Vergleich illustrieren: Wenn ein Lehrer erkennt, daß sein Schüler ungeeignet ist, daß kein Interesse vorhanden ist, daß die Unterweisungen, die er geben kann, auf keinen fruchtbaren Untergrund fallen, sollte er mit seinen Bemühungen aufhören, ihn zu unterrichten.
F: Oft herrscht ein falsches Verständnis von Leerheit - auch unter Buddhisten. Die Vorstellung der illusionären Natur aller Erfahrungen ist für diese Menschen entmutigend und deprimierend. Wie könnte man Leerheit besser verstehen?
L. D.: Das ist sehr schwer zu verstehen, denn die Lehre über die Leerheit ist sehr profund. In der Meditation unterscheiden wir drei Phasen - den Aufbau, die Meditation selbst und die Auflösung. In der Auflösungsphase lösen wir den Yidam auf, in seine wahre Natur. Diese wahre Natur des Geistes ist reines Mitgefühl.
Mißverständnisse entstehen oft durch den Wunsch nach instantaner Erleuchtung. Wir wollen alles - und das gleich. Aber wie beim intellektuellen Studium an der Shedra gilt auch hier, daß die unterschiedlichen Lehren aufeinander aufbauen, sie sind wie Räume, die aufeinander folgen, die man nur nacheinander und nicht mit nur einem einzigen Schlüssel öffnen kann.
F: Im ausgehenden 20. Jahrhundert steigert sich die Angst vor der Zukunft. Viele Menschen, egal, ob im Osten oder Westen, leben in der Ungewißheit. Für das Jahr 2000 erwarten sie den Weltuntergang. Seine Heiligkeit, welchen Rat können Sie diesen Menschen geben?
S. H.: Aus Sicht des Buddhismus sagen wir, daß in diesem Kalpa tausend Buddhas kommen werden. Bisher erschienen drei Buddhas, in diesem Zeitalter, in dem wir leben, erschien der vierte historische Buddha, Buddha Shakyamuni, dessen Wirken noch nicht vorüber ist. Die 996 anderen Buddhas kommen noch. Aus buddhistischer Sicht wird der Weltuntergang dementsprechend nicht so gesehen. Unsere Welt, der Lebensraum, den wir brauchen, um zu existieren, wird nicht so schnell aufhören, zu bestehen. Im Zusammenhang mit dem Weltuntergang spricht man ja auch davon, daß Ufos kommen werden. Wir warten schon sehr lange darauf.
F: Die Zeit scheint schwierig zu sein, es treten immer wieder falsche Lehrer auf. Wie kann man mit dem Phänomen „falsche Lehrer“ umgehen, das im Westen und Osten bekannt ist und ein globales Problem sein dürfte?
S. H.: Im Buddhismus sprechen wir von den fünf degenerierten Zeitaltern. Man kann das Phänomen als Erscheinungen dieser fünf Zeitalter erklären. Diesen falschen Lehrern und Wegen kann man nur mit Mitgefühl begegnen. Es gibt keine andere Alternative.
F: Wie lange wird der Buddhadharma in dieser Welt bestehen?
S. H.: Der Buddhadharma wird in diesem Zeitalter 5000 Jahre bestehen. Jetzt befinden wir uns innerhalb dieses Zeitalters in jenem Abschnitt, der Ngöpa Tsultrim genannt wird. Die Hälfte der Zeit [i.e. 2500 Jahre] ist vergangen, die andere Hälfte liegt noch vor uns.
F: Was ist der Samen der Erleuchtung?
S. H.: Der Samen für die Erleuchtung ist Dezhig Nyingpo, in Sanskrit Thatagathagarba. Diese Essenz ist unbefleckt, sie ist nur momentan wie zum Beispiel von Staub bedeckt, wie als ob Wolken darüber lägen. Aber die eigentliche Buddhanatur ist unbefleckt, sie birgt die potentielle Erleuchtung. Sie ist die Garantie dafür, daß Erleuchtung möglich ist.
Die Interviews wurden von Lama Palmo gemeinsam mit Dorothea Nett aus Karma Changchub Chöphel Ling, Heidelberg geführt. Padma Wangyal aus Berlin übersetzte.




