Fragen und Antworten zur Presseerklärung S.H. des XVII. Karmapa am 27.04.01

- Gyalwang Karmapa in Tsurphu, 1999
27. April 2001, Gyuto Ramoche Tantric University, Sidbhari, Distt. Kangra, HP, Indien
NHK (Japan. TV): Wie lange werden Sie in Indien bleiben? Werden Sie zurückgehen nach China?
Seine Heiligkeit Karmapa: Nachdem ich als Flüchtling hierher nach Indien gekommen bin und deshalb den Flüchtlingsstatus erhalten habe, plane ich nicht nach Tibet zurückzukehren, solange S.H. Dalai Lama nicht zurückkehrt. Ich werde zusammen mit ihm zurückkehren.
Ajit Jagra: Ich würde gerne wissen, was Sie eigentlich dazu bewegte, hierher nach Indien zu kommen, da Sie doch Anhänger überall in der Welt haben?
SHK: Einer der wichtigsten Gründe hierher nach Indien zu kommen, war, die Geheiligten Plätze dieses Landes zu besuchen.
Norway Radio of Tibet: Eure Heiligkeit, seit Sie hierher nach Indien kamen, hat die Chinesische Regierung erklärt, dass Sie nicht hierher gekommen sind, um ihren Sitz in diesem Land einzunehmen, sondern nur um die Schwarze Krone und andere Besitztümer ihres Vorgängers zurückzufordern. Außerdem behauptete die Chinesische Regierung, dass Sie nach China zurückkehren würden und dass Sie einen Brief in Tibet zurückgelassen hätten, der dies bekunde.
SHK: Es ist wahr, dass ich einen Brief zurückließ, aber da ich ihn selbst schrieb, weiß ich genau was darin stand und was nicht. Ich schrieb darin, dass ich das Land verlassen musste, da ich über längere Zeit nachhaltig und wiederholt um Erlaubnis angesucht hatte, international zu reisen, aber diese Erlaubnis nicht erhalten habe. Ich erwähnte in diesem Brief nie die Schwarze Krone. Warum sollte ich diese außerdem aus Indien holen und sie nach China bringen? Was sollte damit bezweckt werden? -Man könnte sie gleich Jiang Zemin überlassen.
Italian News Service: Eure Heiligkeit, in Ihrer Erklärung erwähnten Sie nie Sharmapa, der der zweithöchste Kagyu Lama ist und der Sie beschuldigte ein Chinesischer Agent zu sein. Wie ist Ihre Meinung dazu?
SHK: Diesbezüglich habe ich das Beste getan, mit dieser Situation angemessen umzugehen und deshalb sehe ich keinen Grund, Spekulationen anzustellen oder in meiner Erklärung darüber zu schreiben, da dies alles nur schlimmer machen würde.
The Week: Ich wollte Sie fragen ob, während Sie in Tibet waren, in irgendeiner Weise Druck seitens der Chinesen auf Sie ausgeübt wurde, den Panchen Lama anzuerkennen, den China ausgewählt hatte?
SHK: Es gab keinen besonderen Druck, die Anerkennung der Chinesischen Regierung ihres Panchen Lamas zu unterstützen, aber ich war zu seiner Haarschneidezeremonie und zur Ordination eingeladen.
PTI: Sie benötigten nur 30 Stunden, um aus Tibet nach Nepal zu kommen und Sie benötigten noch fünf Tage, um Dharamsala zu erreichen und das in einem freien Land. Warum das? Warum dauert eine Reise von 1500 km 30 Stunden und die Reise von Nepal hierher nach Dharamsala fünf Tage? Man hörte, daß (unhörbar) Ihnen half nach Nepal zu kommen. Ist Situ Rinpoche ein Agent der Chinesen?
SHK: Der Grund, warum Teile der Reise längere Zeit in Anspruch nahmen, lag an der Entfernung und den Reiseschwierigkeiten in dieser Region. Die gesamte Reise dauerte acht Tage und ich glaube, ich habe bezüglich der Zeiten ganz klar und ausführlich in meiner Erklärung berichtet. Ich glaube nicht, dass ich diesbezüglich noch klarer berichten kann. Bezüglich S.E. Tai Situ Rinpoche ersuchte ich die Chinesische Regierung wiederholte Male um Erlaubnis, ihn nach Tsurphu einzuladen, so dass ich von ihm die Ermächtigungen, Übertragungen und Unterweisungen erhalten könnte, die ich wünschte von ihm zu erhalten. Aber sie verweigerten Tai Situ Rinpoche die Einreise nach China mit der Begründung, er habe ein zu nahes Verhältnis zu S.H. Dalai Lama und dies wäre daher unzulässig. Ich glaube, dass, wenn das was Sie sagen wahr wäre, die Chinesen erfreut darüber gewesen wären, ihn einreisen zu lassen.
Australian Newspaper: Beabsichtigen Sie mit dem Dalai Lama im Dienste des Bewußtseins der Weltöffentlichkeit in Bezug auf Tibet und der Unabhängigkeit und Selbständigkeit Tibets zusammenzuarbeiten bzw. diese zu unterstützen?
SHK: Wie schon in meiner vorherigen Erklärung erwähnt, was Tibet in der Welt so bekannt gemacht hat, ist seine religiöse Tradition und Kultur. Daher betrachte ich es als meine Pflicht und Verantwortung, die Religion und Kultur Tibets so gut und wirksam zu unterstützen, wie ich kann. Ich glaube, indem ich dies tue, nütze ich Tibet und dem Tibetischen Volk und begünstige damit auch die Situation in Tibet. Im Sinne der Tibetischen Religion und Kultur unterstütze ich S.H. Dalai Lama so gut ich kann.
The Daily Telegraph: Eure Heiligkeit, Sie sind einer der bekanntesten Lamas von Tibet und werden als jemand betrachtet, der die Vergangenheit und die Zukunft kennt. Würden Sie bitte aus diesem Grunde dazu Stellung nehmen, wo Sie in 15 Jahren stehen?
SHK: Vergessen Sie die Zukunft, ich werde morgen vergessen haben, was ich heute sagte.
Q: Sind Sie besorgt, dass die Tibetische Kultur aufgrund der Verhältnisse in China ausgelöscht wird?
SHK: (Als Dharma Praktizierender nicht in politische Angelegenheiten involviert), alles, was ich sagen kann ist, dass jede Nation die ihr eigene unverkennbare spirituelle Tradition und Kultur hat. Wenn irgendeine dieser Traditionen Gefahr laufen würde auszusterben, würde ich hoffen, dies würde nicht geschehen.
Newsweek: Warten die Chinesen auf das Ableben S.H. Dalai Lamas in der Hoffnung, das wäre das Ende der Tibetischen Unabhängigkeitsbewegung und darauf, dass es ihnen danach möglich wäre, die Tibetische Kultur ganz in die Chinesische Han Kultur aufzunehmen.
SHK: S.H. Dalai Lama ist nicht so alt und sein Gesundheitszustand ist sehr gut. Ausserdem bete ich beständig für sein Langleben und ich bin zuversichtlich, dass die Situation seines Ablebens lange Zeit nicht eintritt. Es ist auch gut möglich, dass sich bis dorthin die politische Situation beträchtlich ändert. Ausserdem ist die Stärke der Bestrebungen und des Mitgefühls S.H. Dalai Lama`s unvorstellbar. Ich glaube, dass für die Jugend Tibets das Wichtigste ist, sich auf die Erhaltung der spirituellen und kulturellen Traditionen zu konzentrieren. Seine S.H. Dalai Lama erteilt immer wieder den gleichen Rat.
BBC: Wie würden Sie die Zukunft Tibets gerne sehen?
SHK: Da die Grundlage der spirituellen Tradition Tibets Gewaltlosigkeit und Friede ist, geht mein größtes Sehnen dahin, dass Tibet in Zukunft an einem Zustand von Gewaltlosigkeit und Frieden festhält.
The Times: Ich habe gehört, dass Sie kürzlich über Ihre Eltern gesprochen haben. Gibt es Grund zur Sorge, dass Ihre Eltern oder ihre Anhänger schlecht behandelt werden? Und wissen Sie, wo ihre Eltern sind?
SHK: Natürlich sind die Eltern für jeden äusserst wichtig, da unsere Eltern in gewissem Sinne für uns diejenigen sind, die von allen die größte Güte haben. Deshalb und auch für mich sind die Situation und die Umstände meiner Eltern sehr wichtig. Nichts destotrotz, aus den bereits genannten Gründen, erachtete ich es als notwendig, Sie zu verlassen. In der gegenwärtigen Situation kenne ich nicht die genauen Einzelheiten der Verhältnisse meiner Eltern. Ich bete jedoch stets für das Wohlergehen meiner Eltern und jedes einzelnen in Tibet.
Star News: Wie sieht die Art der Zusammenarbeit mit der Indischen Regierung aus, die Sie erhalten haben? Welche Einschränkungen, wenn überhaupt, haben sie Ihren Reisen auferlegt?
SHK: Im allgemeinen war die Indische Regierung sehr hilfreich und großzügig. Im speziellen bekam ich die Erlaubnis, mich in diesem Lande aufzuhalten und mich auf Pilgerreise zu begeben.
Hindustan Times: Karmapa, es wurde berichtet, dass Sie von China zu politischen Zwecken herangezogen wurden. Wenn dem so ist, was war der Zweck, im speziellen in Hinblick auf die Unabhängigkeit Tibets?
SHK: Ich habe von den Berichten gehört, dass die Chinesische Regierung plante, mich zu benutzen. Ich wurde sicherlich ganz speziell behandelt. Beispielsweise als ich auf der Reise nach Beijing in China war, wurde ich wohl behandelt. Aber ich kam zu dem Verdacht, dass es möglicherweise einen Plan gäbe, mich dafür zu benutzen, die Menschen in Tibet von seiner S.H. Dalai Lama abzuspalten.
Asahi Shimbun: Eure Heiligkeit, planen Sie Englisch oder ander fremde Sprachen zu lernen, um sich mit anderen Kulturen auszutauschen, wie es S.H. Dalai Lama getan hat?
SHK: Da ich in Tibet geboren wurde, spreche ich zusätzlich zu Tibetisch, so würde ich sagen, leicht gebrochenes Chinesisch und ich eigne mir auch ein wenig Englisch an und habe die Absicht, später Japanisch zu lernen.
Times of India: Warum bedurfte es so langer Zeit, sich mit den Medien in Verbindung zu setzen? Und denken Sie nicht, dass das Interesse, das die westliche Medienwelt an Ihnen gezeigt hat möglicherweise ein Mittel ist, China zu diskreditieren?
SHK: Ich stimme Ihnen zu, dass es lange Zeit dauerte, bis ich die Medienvertreter treffen konnte. Ich wollte unverzüglich die wahre Geschichte meiner Reise vorlegen, aber meine Situation erlaubte es mir bis jetzt nicht, diese Pressekonferenz abzuhalten. Bezüglich Ihrer zweiten Frage möchte ich sagen, dass es nicht nur die westliche Medienwelt, sondern auch die asiatische ist, die an meiner Situation interessiert ist und nachdem Sie alle frei darin sind, sich wofür auch immer zu interessieren, kann ich keine Vermutungen anstellen und kenne auch nicht die Motivation hinter ihrem Interesse.
Reuters: Ich glaube, wir haben nur die halbe Antwort auf die Fragen eines Kollegen von mir erhalten. Welche speziellen Beschränkungen wurden Ihrer Reise in Indien auferlegt?
SHK: Da ich die Aufenthaltserlaubnis für Indien erhalten habe, kann ich in diesem Land uneingeschränkt reisen. Die diesbezüglichen Beschränkungen oder Ausnahmen sind: Ich darf nicht nach Sikkim reisen und ich darf nicht nach Sherab Ling reisen, was ich als irreführend erachte.
Reuters: Wie reagieren Sie auf die Behauptung einiger Karma Kagyu Anhänger, dass Thaye Dorje der echte Karmapa wäre?
SHK: Die Feststellung der Identität des Karmapas wird nicht durch eine öffentliche Wahl oder eine Debatte zwischen Gruppen entschieden. Diese wird nur durch die Vorhersagung des vorhergehenden Karmapas entschieden.
London Times: Was tun Sie an einem gewöhnlichen Tag?
SHK: Ich studiere und praktiziere Buddhismus.
(Englische Übersetzung © Karma Triyana Dharmachakra, 2001
Deutsche Übertragung Alexandra Kocher, Brigitte Schokarth)




